Oktober 2008

Mein Besuch

Ingo Koll, Tansaniakenner und Kollege des Gymnasiums Süd war in den Herbstferien in seiner „alten Heimat“ und hat während seines Aufenthalts in Moshi auch unsere Partnerschule in Narumu besucht. Hier ist sein Bericht:

 

Eigentlich war ich in den Herbstferien nur mal eben weg – zu Besuch in Kenia und Tansania, wo wir als Familie lange Jahre gelebt und gearbeitet haben.

So stand auch der Besuch bei Freunden in Moshi am Kilimandscharo mit auf meinem Programm – und die Narumu-Secondary-School liegt gerade am Stadtrand. Da war es eine Gelegenheit, Briefe aus Buxtehude-Süd mitzunehmen und auch die Grüße der Partnerschule auszurichten.

Sich in Tansania zu verabreden ist heutzutage ziemlich einfach geworden. Es gibt zwar noch lange nicht überall elektrischen Strom, aber die Handys sind weit bis in die Dörfer verbreitet, und so rief ich in Moshi meinen Kontakt, den Lehrer January Chami einfach an. Leider passte es noch nicht am folgenden Tag, denn es wurden gerade die Abschlussprüfungen geschrieben. Das sind in Tansania Zentralprüfungen für das ganze Land, die überall zur gleichen Zeit abgelegt werden. Alle Jahre wieder gibt es das Problem, dass die Aufgaben durchsickern und heimlich weiterverkauft werden. Also stehen in jeder Schule bei den Prüfungen Polizisten mit Gewehr und passen auf. Gut, dann würde ich bei meiner Rückkehr aus Daressalaam in der Schule vorbeikommen.

Als ich in der folgenden Woche wieder in Moshi war, holte mich January Chami mit dem Auto ab. Die Schule verfügt über einen Toyota-Geländewagen mit Ladefläche. Ich war überrascht, denn in einer kleinen ländlichen Schule hätte ich das nicht erwartet. Aber es handelt sich ja um eine Schule der katholischen Kirche, und sie liegt im Chaggaland. Die Chagga am Kilimanjaro sind eine wirtschaftlich sehr rege Volksgruppe, in der Umgebung gibt es viele Kaffeebauern, und Kaffe bringt derzeit wieder relativ bessere Erträge. Und Katholiken sind in Ostafrika einfach gut organisiert (als evangelischer Pastor darf ich das sagen). Natürlich ist das Auto eine große Hilfe für die Schule, wenn auch wahrscheinlich die Kosten erheblich sind. So ist der Nachschub für die Küche erheblich einfacher. Der Fahrer sagte mir, dass er auch öfters mal nachts los muss, wenn eines der Mädchen im Internat krank wird. Die Schule wird von einer katholischen Ordensschwester geleitet, die zusammen mit zwei weiteren Lehrerinnen aus ihrem Orden auf dem Schulgelände wohnt.

Die Schule liegt etwa 5 Kilometer abseits der großen Teerstraße am Hang des Kilimanjaromassivs. Ein einigermaßen befahrbarer Erdweg führt zu ihr hin. Die Umgebung ist ganz ländlich; Waldstücke und Maisfelder wechseln sich mit den Pflanzungen um die Häuser ab, in denen üblicherweise Kaffeebüsche und Bananen zusammenstehen.

Die Schulgebäude sind einfach, aber gut in Schuss. Einstöckige Klassenräume liegen im Karree um den offenen Schulhof. Die Fenster sind verglast – das ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich, fällt mir aber auf, weil früher Glas so teuer und Mangelware war, dass man es in den meisten Schulen nicht antraf. Als ich in Südtansania selber an der Schule unterrichtete, gab es in der kalten Jahreszeit nur die Wahl: frieren und Staub schlucken – oder aber die Fensterläden schließen und im Halbdunkel arbeiten.

Als wir an der Schule ankommen, versammeln sich auf dem Hof gerade die Schülerinnen. Die Narumu Secondary School ist eigentlich eine Mädchenschule, nimmt aber auch einige Jungen aus der Umgebung auf. Unter knapp 300 Schülerinnen gibt es ca. 20 Jungen. Über 200 Mädchen wohnen im Internat an der Schule, wo die Mädchen in Doppelstockbetten schlafen. Wie würde es unseren Schülerinnen ud Schülern bei einem Besuch hier gehen? Eigene Zimmer stehen nicht zur Diskussion, aber die haben fast alle Mädchen auch zuhause nicht. Im Internat zu leben ist für tansanische Schülerinnen eine Chance, zu einer guten Ausbildung zu kommen – zuhause müssen Mädchen immer im Haushalt helfen, was Zeit für die Hausaufgaben wegnimmt. Das wissen die Eltern und das wissen auch die Mädchen selber und sind deshalb froh, wenn es einen Platz im Internat gibt, der die Chance auf einen guten Abschluss erhöht.

Die Schulleiterin Schwester Bernada begrüßt mich freundlich und stellt die Lehrer vor, die jetzt am Nachmittag noch an der Schule sind. Wir nehmen alle Platz unter dem Wellblechdach vor dem Lehrerzimmer, und vor uns stehen die Schülerinnen nach Klassenstufen geordnet in ihren Schuluniformen. Die Schule umfasst die 4 Jahrgänge von Form I bis Form IV, was unseren Klassen 8 bis 11 entspricht, und schließt mit dem „O-level“ ab; anschließend kann man auf einer anderen Schule noch die Form V und VI und das Abitur machen. Die Schuluniform besteht aus weißer Bluse, einem wadenlangen Rock in der Klassenfarbe, dazu passendem Pullover und Krawatte, schwarzen Schuhen und weißen Socken.

In Tansania hat man ziemlich feste Ansichten darüber, wie ein Gast gebührend zu empfangen ist. Die Narumu Schule fährt für mich fast das volle Programm ab – für die eigentlich dazugehörende Einladung zum Essen bin ich zu kurze Zeit da, denn es wird bald dunkel und ich muss morgen früh ja weiter.

Zunächst werde ich von der Schulleiterin den Schülerinnen vorgestellt. Dann kommt die Schulsprecherin, die ihrerseits eine Begrüßung ausspricht. Jede Klassenstufe hat einen Programmbeitrag vorbereitet. Dazu tritt zunächst die Klassensprecherin nach vorne und stellt ihre Klasse vor; danach tritt eine Gruppe aus der Klasse im Tanzschritt von der Seite in die Mitte des Platzes und trägt ein Lied vor. Von jeder Klassensprecherin höre ich, was die Farbe ihrer Schuluniform bedeutet – Blau beispielsweise ist die Farbe des Himmels, und sie wollen alle nach ganz oben! Aus jeder Klasse höre ich einige Berufswünsche: Pilotin, Rechtsanwältin, Ingenieurin, Lehrerin ... Nur Bäuerin will keine werden – übrigens auch nicht Religionslehrerin.

Alle tragen mir Grüße an die Realschule Buxtehude auf – dabei bekommen zwei der Klassensprecherinnen das schwierige Wort, das hier die meisten Leute zu einer „Verenglischung“ in Richtung „riilschule bakstihjude“ verleitet, ziemlich fehlerfrei heraus! Sie erinnern an die Wasserleitung und die Laborräume, die Namuru schon mit Buxtehuder Hilfe hat bauen können, danken dafür und tragen mir auf, doch zuhause dafür einzutreten, dass die Hilfsbereitschaft nicht nachlässt. Was hiermit geschehen sein soll! Und es gehört auch zum tansanischen Ritual, dass dem Gast der Dank so direkt ausgesprochen wird, als habe er alles persönlich aus eigener Tasche bezahlt! Mir fällt auf, wie viel freier und professioneller die tansanischen Schülerinnen in der öffentlichen Rede sind im Vergleich zu unseren deutschen Jugendlichen. Sicherlich könnten unsere das auch – warum üben wir es so wenig?

Die anbrechende Abenddämmerung beschleunigt das Programm, und zum Schluss soll ich dann noch etwas sagen. Ich erzähle kurz, dass ich vor einigen Jahren im Süden des Landes mal die evangelischen Schülergruppen der Ukwata betreut habe – und schon jubeln die evangelischen Mädchen. Zum Ausgleich spreche ich gleich noch die Schülerarbeit der katholischen „Young Christian Students“ an – die dazugehörige Jubelgruppe ist an einer katholischen Schule natürlich etwas größer. Da beugt sich auch schon Schwester Bernada vor, um mir den Namen „Wamata“ zuzuflüstern – richtig, die Gruppe der islamischen Schüler darf nicht unerwähnt bleiben. Auch hier „outen“ sich die islamischen Schülerinnen durch einen kräftigen Triller – viele sind es freilich nicht. Ich finde es toll, dass die katholische Schwester daran denkt, die Muslime zu benennen. Ob es hier wohl noch Schülerinnen gibt, deren Familien eher den traditionellen Religionen angehören? Von denen spricht man an tansanischen Schulen eher nicht. „Pagani“ galt schon zu meiner Zeit in Südtansania als sehr überholt. Unter den Chaggas kann es eigentlich auch nicht mehr ganz viele geben

Vor der Rückfahrt gehen Schwester Bernada und January Chami mit mir noch einmal über das Gelände. Leider ist es schon so dämmerig, dass meine Fotos bestimmt nicht mehr gut werden. In die naturwissenschaftlichen Fachräume sehen wir nicht hinein, wohl aber in die Bibliothek. Hier gibt es viele Einzeltische, an denen die Mädchen des Internats abends die Schularbeiten erledigen können. In den Regalen stehen einige Klassensätze Lehrbücher – das ist wirklich ein großer Fortschritt gegenüber früher, als es Bücher nur für Lehrer gab, aus denen dann endlos auf die Tafel an- und von der Klasse ins Heft abgeschrieben wurde! Bücher zum Nachschlagen stehen in verschlossenen Schränken – ein Klaurisiko gibt es also auch hier. Es gibt sogar einen Zeitungsständer, über dem einige Exemplare von Monatszeitschriften hängen.

Hinter den Fachräumen treffen wir eine Schar Mädchen an, die sich mit Eimern um einen Wasserhahn versammelt haben. Das ist also DER Wasserhahn der Schule, mit Buxtehuder Hilfe zustande gekommen. Um diese Zeit dürfte es sich um das Wasser für die abendliche Dusche im Internat handeln. Ich vergesse zu fragen, ob es keine Verteilung der Leitungen bis in die einzelnen Gebäude gibt. Vielleicht führt die Leitung nicht genug Wasser, um mehrere Hähne zu versorgen? Jedenfalls ist es für die Mädchen eine große Hilfe. Ohne diese Leitung wären sie täglich gruppenweise an der Reihe, das Wasser per Eimer über eine Entfernung von 3 Kilometern heranzuschleppen.

Ein letzter Blick noch auf den Rohbau des Lehrerhauses, das sich mit zwei Wohnungen seiner Fertigstellung nähert. Dann werde ich herzlich verabschiedet, und das Auto bringt mich zurück in die Stadt.

Ingo Koll